Der Wanderer

Ein poetischer Text über den Aufbruch zu neuen Wegen und den Mut die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Ich stehe in einer Grube voll mit den Erinnerungen aus der Vergangenheit. Ich stehe mitten darin. Die Gedanken an das, was früher passiert ist, sie kleben an mir. Ich habe Gummistiefel an. Es sind rote Gummistiefel mit weißen Punkten. Ich stehe da nun, tief in der Matsche.  Es gab eine Zeit, wo ich in dieser Grube stand und all das, was nun nur noch unter meinen Sohlen und an den Schuhen hängt von oben auf mich runter geprasselt ist. Der Regen und der Dreck aus dieser vergangenen Zeit, sie sind längst getrocknet und doch haben sie Spuren hinterlassen. Die Schlieren auf meiner Regenjacke sind deutlich zu sehen und unter meinen Schuhe spüre ich ganz deutlich, die Pfützen, die sich am Boden gebildet haben. Wenn ich mich bewege, dann höre ich das Schmatzen der Erdklumpen unter meinen Füßen und wenn ich mich dort unten bewege, dann passiert es, dass sich der Dreck in das Profil meiner Sohlen setzt. Manchmal fällt etwas von dem Dreck ab, aber das schmatzende Geräusch, es bleibt. Es erinnert mich immer wieder daran, dass der Regen keine Einbildung war sondern ganz real. Wenn ich mich umdrehe, dann sehe ich die Spuren des Regens auch an der Wand. Das Wasser hat Furchen in den Stein gegraben. In diesem Moment, in dem ich dort stehe, fällt ein Lichtstrahl von oben in die Grube. Sie wirft einen Schatten an die Wand und es sieht aus als lehne an der Wand eine Leiter. Wie kann das sein? Hier unten ist doch nichts, außer Dreck und Matsch, die Pfützen und eine düstere Umgebung, die nun von einem sanften Lichtstrahl durchbrochen wird. Ich erkenne, dass das Wasser, das all die Zeit an der Wand hinunter gelaufen ist eine Formation in den Stein gegraben hat. Es hat ganz deutlich die Form einer Leiter und als ich meinen Blick nach oben schweifen lasse, sehe ich, dass sie bis nach ganz oben hinauf führt. Mein Inneres sagt mir, dass es gilt, diese Leiter Sprosse für Sprosse nach oben zu klettern. Ein innerer Impuls lässt mich den ersten Schritt machen und ich fühle eine Leichtigkeit in mir aufkommen und die Gewissheit, dass es genau das Richtige ist. Ich spüre die Wärme der Sonne, die in die Grube fällt und sie beflügelt mich, hinaufzusteigen. Es kostet eine Menge Kraft. Die Sprossen sind rutschig vom Regen. Zeitweise finde ich kaum Halt. Meine Hände umklammern das Gestein. Die schmalen Vorsprünge, die das Wasser hinterlassen hat, bieten kaum genug Halt. Nach einem mühsamen Aufstieg aus der Grube, entdecke ich, dass dort oben ein Wanderweg beginnt. Ich entdecke einen Wegweiser. Diese Schilder, sie können Fluch und Segen zur gleichen Zeit sein, denke ich in diesem Moment. Sie sagen dir, wie weit du noch von deinem Ziel entfernt bist und sie geben dir Orientierung. Sie stehen da, gefertigt aus solidem Holz. Zum Teil sind sie schon etwas verwittert und die Zeit ist nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen, aber die Schrift ist noch immer zu erkennen. Der wolkenverhangen Himmel lässt sie etwas trostlos erscheinen. Nach dem mühevollen Aufstieg aus der Grube habe ich nicht das Gefühl, dass die Information auf meinem ersten Wegweiser neutral ist. Nein, ganz und gar nicht. Es ist eher ein Gefühl der Überforderung und Kraftlosigkeit. In diesem Moment reißt der Himmel auf und durch die Wolkendecke fällt die Sonne auf eine Bank, die neben dem Wegweiser steht. Ich lasse mich fallen. Erschöpft schließe ich die Augen und spüre die Sonne auf meiner Haut. Als ich sie nach einer Weile öffne, bemerke ich, dass sich neben mir ein Wanderer niedergelassen hat. Er lächelt mich an und sagt zu mir:

„Sind diese Wegweiser nicht wunderschön? Sie stehen dort einfach. Sie geben die Information einfach wieder, ohne dass diese gut oder schlecht wäre. Es liegt an dir, was du daraus machst. Die Bewertung entsteht in deinem Kopf. Ob ein Ziel, das in einer Entfernung von einem Kilometer zu dir liegt, nah oder fern ist, das entspringt allein deiner Beurteilung. Der Wegweiser ändert nichts an dieser Distanz.“

Comments (2)

Mein Lieblingsspruch dazu: Distanz ist immer eine Frage der Perspektive ??
Und ich glaube, jede ist zu meistern…

Svenja Vierth

Ja, das glaube ich auch. Eine sehr schöne Einstellung.

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