Die Komfortzone zu verlassen, macht selbstbewusst

Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt besagt ein Sprichwort. Für mich war der erste Schritt auf den Weg in ein neues Leben und raus aus der Komfortzone die Entscheidung vor vier Jahren alleine, nur mit meinem Rucksack bepackt, mich auf den Weg ans andere Ende der Welt zu machen. Drei Monate war ich in Neuseeland unterwegs. Wenn ihr neugierig seid, was eine fünftägige Wanderung ohne Strom, mitten in der Wildnis damit zu tun hat, über sich selbst hinauszuwachsen, lest gerne weiter.

Bevor ich aus Deutschland aufbrach, sagte eine Freundin zu mir: „Du wirst nicht mehr als Diejenige wiederkommen, als die du gegangen bist.“ Damals habe ich sie belächelt. Heute kann ich rückblickend sagen, dass sie Recht behalten sollte. Wenn wir den Bereich verlassen, indem wir uns wohlfühlen und uns neuen Herausforderungen stellen, werden wir zu anderen Menschen.

Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt – Lao Tze.

 

… und besteht aus vielen weiteren. Ich bin einige aus meiner Komfortzone hinausgegangen. Auf der Reise ist mir ein Erlebnis in besonderer Erinnerung geblieben: Die Wanderung des Heaphy Tracks.

Der Heaphy Track oder schwimmen gegen den Strom

In der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, in der viele Menschen gute Vorsätze für das neue Jahr beschließen,  hatte ich mich entschieden, mich alleine auf meine erste Wanderung zu begeben, die länger als einen Tag dauern sollte. Ich hatte mich gut vorbereitet und wusste dennoch nicht, worauf ich mich einlassen würde – und an dieser Stelle kann ich den beiden Schweizer Mädels nur sagen, dass es sein mag, dass Wanderstöcke so selbstverständlich wie die Schuhe sind, aber ihr hättet mir ruhig sagen dürfen, dass sie essentiell sind, um gut und sicher anzukommen 😉 Ich war auf jeden Fall ohne unterwegs.

Fünf Tage, 82 Kilometer und sehr viel Regen

Impressionen des ersten TagesAm 1. Januar 2014 bin ich gestartet. Der Tag fing mit einer Menge Regen, einer verspäteten Abholung durch den Bus und etwa 16 km Weg bis zur ersten Hütte an. Dieser Teil von Kohaihai zur Heaphy Hut ist der schönste der kompletten Wanderung. Er führt entlang der Küste, zum Teil direkt am Strand entlang. Für die meisten Menschen, die hier wandern, ist das der letzte Teil des Weges. Es ist beliebter, die Strecke von Norden nach Süden zu laufen. Ich habe auf meinem kompletten Weg keinen Menschen getroffen, der in meine Richtung gelaufen ist. In diesem Sinne bin ich gegen den Strom geschwommen. Ich habe in Deutschland noch nie so viel Regen in fünf Tagen gesehen und man bedenke, ich bin ein Nordlicht. Der zweite Tag sollte, was Distanz und Anstrengung angeht, der längste werden, dachte ich. Ich habe 20 Kilometer bergauf in sieben Stunden absolviert, ich wurde bis auf Schnee mit allen Jahreszeiten bedacht. Frei nach meinem Wandermotto „It’s all about attitude.“ habe ich auch das geschafft. An Tag Nummer drei bin ich in der James Mackay Hut aufgewacht und habe das erste Mal in meinem Leben horizontalen Regen gesehen. Wir hatten gefühlte Windstärke 12 und die Schleusen des Himmels hatten ihre Tore geöffnet. Der Weg des Tracks geht nicht nur an der Küste entlang und dann in die Wälder des Kahurangi National Parks sondern ist durchzogen von Bächen und Wasserfällen, die wunderschön sein können. Es sei denn, es regnet. Die in diesem Falle etwas ungünstige Eigenschaft der Gewässer ist, dass sie mehr Wasser führen. So werden aus Bächen Flüsse und aus einem kleinen Rinnsal ein Wasserfall. Nicht alle Bereiche, sind mit Brücken versehen. Etwa zehn Minuten nachdem ich von der dritte Hütte aufgebrochen bin, kam ein Bach, der nicht zu überqueren war, ohne nasse Füße zu bekommen. Ich dachte, ich sei clever, ziehe meine Schuhe und Socken aus und wate da durch. Geschafft! Schuhe wieder an und weiter. Kurz nach meinem vermeintlichen Erfolgserlebnis traf ich eine Einheimische und erzählte von meinem Erfolg. Sie guckte mich etwas verwundert an und fragte mich, ob ich neuseeländisches Wetter nicht gewohnt sei. Ich verneinte und sie schmunzelte und meinte, sie gäbe mir einen Rat, Schuhe anlassen und den Oberkörper warm halten. Den Ratschlag hab ich befolgt und vermutlich sehr zu ihrer Erheiterung beigetragen. Germans are weird.

Hindernisse auf dem Heaphy TrackMeine Schuhe waren nach vier weiteren Durchquerungen patsch nass. Von der Saxon Hut aus startete Tag Nummer vier, den ich mit getrockneten Schuhen begonnen habe. Diese Teilwanderung war unspektakulär, aber es wäre nicht diese Wanderung, wenn nicht doch noch etwas Spannendes passierte. Ich saß in meinem Bett in der letzten Hütte, der Perry Saddle Hut, und habe gelesen, da fing es an… *Trommelwirbel*… zu regnen. Es war noch Zeit bis zu meinem Start am Morgen. Aber es stand fest, um 6 Uhr musste ich los, um meinen Bus mit meinem restlichen Hab und Gut zu bekommen. Ich hatte auf der Wanderung nur das Nötigste dabei. Es ist schließlich alles unnötiges Gewicht, das ich hätte tragen müssen.

Der letzte Wandertag hatte es in sich

Ich wachte auf und es stürmte auf 820 Höhenmetern, war nebelig und regnete. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben einen Sechser im Lotto gewonnen, die Zusatzzahl wird nachgereicht. Ich habe etwas gewartet, aber irgendwann musste ich los, ohne Frühstück. Dazu war keine Zeit mehr. Ich war die Erste, die die Hütte verlassen hat. 17,5 km in fünf Stunden standen an. Dann würde mein Bus fahren. Ich habe mich durch Strakregen gekämpft, keine 10 Minuten unterwegs, kam der erste Wasserfall, der nicht zu durchqueren war, ohne nasse Füße zu bekommen. Es war einer von vielen, sehr vielen in den nächsten Stunden. Ich habe mich über jeden gefreut, der keine Strömung hatte. Zwischenzeitlich war der Weg auch keiner mehr, sondern etwas, das man bei uns Bach nennt. Nach vier Stunden war ich an der letzten Hütte. Rekordzeit! Aber die glückliche Lottogewinnerin hatte ihre Zusatzzahl noch nicht gezogen. Kurz vor der Brown Hut traf ich eine Gruppe, die gerade gestartet war. Einer sagte mir, in der Hütte läge eine Notiz. Ich müsste die beiden „Bäche“ nach der Hütte zu Fuß durchqueren, da sie mit dem Auto nicht passierbar seien. Ich bin also gelaufen. Fluss Nummer eins durchquert und trotz starker Strömung auf der anderen Seite angekommen. Ich habe den zweiten Fluss passiert, der mit einer provisorischen Brücke versehen war, die für Autos gewichtsmäßig begrenzt war. Dann kamen Häuser und ich habe geschlussfolgert, wo Häuser sind, fahren Autos die Straße entlang. Ich setzte mich an den Rand und habe gewartet. Irgendwann wurde es mir zu langweilig und ich bin weitergelaufen. Da sehe ich am Ende der Straße eine Baustelle, für eine Brücke.

Neuseeländer sind sehr gastfreundlich

Segelboot in Collingwood
Die Endstation meiner Wanderung: Collingwood

Auf meiner Seite stand ein Farmer mit seinem Jeep, auf der anderen Bauarbeiter und Wanderer. Ich ging zu dem Farmer und fragte, was los sei. Er antwortete mir, dass die Brücke noch nicht fertig sei und fragte, ob ich mit Track Express abgeholt werden würde. Dem war so, ja. Die seien vor ein oder zwei Stunden da gewesen, hätten Leute abgeladen und seien wieder gefahren, obwohl der Fluss zu Fuß nicht passierbar sei. Da war sie, meine Zusatzzahl. Ich guckte ihn ziemlich entsetzt und aufgelöst an. Die hatten doch meine Sachen und bis nach Collingwood war es zu weit, um zu laufen. Er sagte, ich solle doch erstmal zu seinem Haus zurück, da sei seine Frau, die solle ich bitten, bei dem Busunternehmen anzurufen. Ich ging zurück. Beth, die Frau des Farmers, kam mir schon entgegen und sah meine Verzweiflung. Zusammen gingen wir zum Haus. Beth machte mir eine Tasse Tee und gab mir selbstgebackenes Brot, rief für mich die Firma an und arrangierte, dass Chris, der Besitzer des nächsten Hostels mich aus dem 28 km entfernten Collingwood abholen käme. Das Busunternehmen hatte zwar nicht mich an mein Ziel gebracht, aber meine restlichen Sachen am Hostel abgeladen. Da war sie wieder, die neuseeländische Gastfreundlichkeit und mein Lottogewinn. Eine Stunde später fuhr mich Jeff, der Farmer auf der Ladefläche seines Jeeps durch den Fluss und Chris holte mich ab. Was für eine Wanderung, was für ein Tag und was für unglaublich tolle Menschen, denen ich dort begegnet bin.

„In the end everything will be all right and when it’s not all right it’s not yet the end.“

 

Mit dieser Reise und vor allem der Wanderung habe ich mein gewohntes Umfeld hinter mir gelassen. Ihr könnt mir glauben, dass es mich in eineigen Momenten viel Überwindung gekostet hat wie zum Beispiel, am Ende der Wanderung um Hilfe zu fragen und sie anzunehmen. Aber es ist ein Erlebnis, von dem ich zehre und gerne erzähle, weil es der Beginn von etwas sehr Tollem ist. Indem ich mich auf Etwas eingelassen habe, was ich vorher noch nie getan habe, bin ich über mich selbst hinaus gewachsen.

Aus der Komfortzone raus, weil du es dir wert bist

Nun sind diese Komfortzonen sehr individuell und bei jedem anders. Ein Mensch, der eher zurückhaltend ist, wird nicht erst eine solche Reise oder gar Wanderung machen müssen, um sie zu verlassen. Mit meinem Reisebericht möchte ich euch beispielhaft zeigen, dass es möglich ist, über sich selber hinauszuwachsen und Dinge zu schaffen, von denen man nicht dachte, dass man sie erreichen kann. Die Erfahrung zu machen, dass einem geholfen wird, wenn man glaubt, man stecke richtig in Schwierigkeiten und es gehe nicht weiter, ist unbezahlbar. Oft bedarf es nur des vermeintlich kleinen Schritts, der zunächst riesig aussieht und wenn ihr ihn gegangen seid, gar nicht so groß was. Aber er führt hinaus aus der Komfortzone und es geht weiter. Ich möchte euch Mut machen, denn ihr werdet davon profitieren. Wobei habt ihr ein mulmiges Gefühl? Jemanden in der Stadt anzusprechen, ein Telefonat mit jemandem zu führen, den du nicht kennst? Alleine auf eine Party zu gehen? Euch fällt sicher etwas ein.

Das Leben beginnt, wo deine Komfortzone endet.

Trau dich! Wenn du es geschafft hast, wirst du nicht nur neue Erfahrungen gemacht sondern gleichzeitig ein unbeschreiblich gutes Gefühl haben. Es steigert das Selbstbewusstsein und schafft Raum für neue Herausforderungen. Sogar die können zur Gewohnheit werden, wenn die Komfortzone immer ein bisschen weiter ausgedehnt wird.

Was sind deine Erfahrungen beim Verlassen der Komfortzone? Was kostet dich Überwindung? Ich freue mich, wenn du mich an deinen Erlebnissen teilhaben lässt. Du kannst mir gerne einen Kommentar schreiben. Dir hat mein Artikel und die Inspirationen gefallen? Dann freue ich mich, wenn du ihn teilst, likest oder meinen Blog abonnierst.