Nachhaltigkeit: E-Bike und Roller

Ich sitze auf meiner Perle, wie ich meinen silberfarbenen Roller liebevoll nennen und brause durch den herbstlichen Spätnachmittag zu meiner Verabredung in die Stadt. Die Ampel schaltet auf Rot und ich halte an. Neben mir stoppt eine Frau mit ihrem Fahrrad und schaut mich skeptisch an.

Das stilisierte Bild eines Rollers: Sommer-Idyll oder doch Dreckschleuder?

Durch die Veränderung meiner Lebensumstände benutze ich meinen Roller im Moment recht viel. Er ist klein und wendig. Außerdem verbraucht er wenig Benzin. Überall bekomme ich einen Parkplatz und muss nicht mal ein Ticket lösen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, das Gefährt ist praktisch. Doch gibt es auch eine Kehrseite der Medaille. Die Fahrsicherheit mit einem 50er Roller ist oft nicht gegeben. Allgemein gilt, dass durch die fehlende Knautschzone, die beim Auto vorhanden ist, bei einem Unfall der Schaden schnell zum Personenschaden wird. Und Gelegenheiten für Unfälle gibt es viele: Die Fahrt auf der Bundesstraße, wo Autos statt 70 eher 100 km/h fahren und offensichtlich kein Gefühl dafür haben, dass 30 Zentimeter kein ordentlicher Sicherheitsabstand sind. Oder der Moment, wenn man mit dem Roller selber schon etwas zu schnell durch die 30er-Zone fährt und von einem Auto überholt wird, nur damit dieses 200 Meter weiter, rechts vor einem abbiegt. Der tägliche Straßenverkehr mutiert zu einem Kräftemessen und avanciert zum archaischen Phänomen, wer der Stärkste ist.

Der Blick der Radfahrerin und meiner treffen sich. Der Geruch meines motorisierten Zweirads steigt mir in die Nase und ist kaum zu ertragen, wenn mir nicht mehr der Fahrtwind ins Gesicht bläst.

Keine Emissionsgrenzen für Mopeds und Roller

Bei meiner Recherche werde ich auf der Seite des Umweltbundesamtes schnell fündig. Es hat in den letzten Jahren bei den motorisierten Zweirädern Anpassungen gegeben, was die Grenzwerte für Kohlenmonoxid (CO), Kohlenwasserstoff (HC) und Stickstoffoxide (NOx) betrifft. Doch für die Menge des Kraftstoffverbrauchs und der CO2-Emissionen gibt es keine Grenzen. Sie werden lediglich dokumentiert. Ich gestehe, ich bin fassungslos.

Zweiräder haben im Verhältnis den größten Anteil an der Feinstaubbelastung

In asiatischen Großstädten macht die Feinstaubbelastung der Zweitakter den größten Anteil der verkehrsbedingten Feinstaubbelastung aus

Bei meiner weiteren Suche nach Informationen stoße ich auf eine Studie des Paul Scherrer Instituts, das in der Schweiz das größte Forschungsinstitut im Bereich der Natur- und Ingenieurwissenschaften ist. Die Forschung, die im März 2014 veröffentlicht wurde, stellt klar, dass kleine Roller bzw. Mopeds mit Zweitaktmotoren die Luft stärker verschmutzen als Autos. Mit der, an der Schweizer Einrichtung konstruierten Smogkammer gelang es den Forschern, zu belegen, dass große Mengen an Aromaten und organischen Aerosolen ausgestoßen werden. Dabei handelt es sich, vereinfacht ausgedrückt um Feinstaub bzw. eine Vorstufe davon, was an der Funktionsweise des Zwei-Takt-Motors liegt. Die Mengen liegen in Bereichen, die weit über den erlaubten Grenzwerten in Europa und den Vereinigten Staaten liegen. Und diese Stoffe gelangen in die Luft unabhängig davon, ob das Zweirad rollt oder an der Ampel steht.

Die Frau auf ihrem Rad schaut mich an und mir wird klar, dass ich sie und mich in diesem Moment einem erheblichen Gesundheitsrisiko aussetze. Ich drehe den Schlüssel meiner Vespa herum, sodass der Motor verstummt. Wir lächeln uns an und sind beide froh, dass die Vespa während der Rotphase aus ist und der Geruch verfliegt. Doch so geht es nicht weiter.

Zeit für Veränderung

Dieses dauerhaft unterbewusste Gefühl der Unsicherheit im Straßenverkehr und der Gestank der Abgase sind keine Alternative zum verkauften Zweitwagen. Ich brauche wieder ein Fahrrad, denn meines ist mir im Sommer gestohlen worden.

Normales Fahrrad oder E-Bike

Mit dem Rad durch den Straßenverkehr

Es gibt einige Argumente, die für aber auch gegen ein E-Bike sprechen. Korrekterweise müsste ich von einem Pedelec sprechen, da es bei meiner Wahl um ein Rad mit elektrischer Unterstützung geht, die bis maximal 25 km/h aktiv ist. Das eigentliche E-Bike kann nämlich auch ohne Treten mithilfe eines Gasgriffs bewegt werden. Doch der Begriff E-Bike ist gebräuchlicher.

Argumente für oder gegen ein E-Bike

Pro

  • die Unterstützung beim Fahren, welche optional verwendet werden kann
  • Motivation, auf längeren Strecken das Rad zu nutzen
  • umweltfreundlich(er)
  • Geldersparnis (weniger Treibstoff, günstigerer Unterhalt: Versicherung, Reparatur)
  • Abschaffung des Zweitwagens
  • kein Stau mehr
  • keine Parkplatzsuche
  • mehr Bewegung

Contra

  • der hohe Kaufpreis
  • eine zusätzliche Versicherung
  • die Frage, wie nachhaltig ein Fahrrad mit Akku-Antrieb ist

Nachhaltigkeit als relevanter Faktor

Bei den aufgerührten Argumenten sind für mich vor allem die Aspekte der Nachhaltigkeit wichtig.
Die entscheidenden Punkte, die ich prüfe, sind der geringere Energieverbrauch im Vergleich zum motorisierten Fortbewegungsmittel und der Akku.

Der Lithium-Ionen-Akku als Herzstück des E-Bikes

Für die Akkus werden seltene Erden benötigt. Eines davon ist Lithium. Eines der Hauptabbaugebiete für dieses Leichtmetall ist Chile. 44 Quadratkilometern ist die Größe der Fläche einer einzelnen Mine, in der das Lithium mithilfe von Unmengen von Wasser in riesige Becken aus dem Boden gepumpt wird. Es dauert fünf Monate bis die Sonne in der Atacama-Wüste das Wasser soweit hat verdampfen lassen, dass eine dickflüssige Masse entsteht. Diese enthält 6% Lithium, das erst danach zu Lithiumcarbonat weiterverarbeitet wird. Eine solche Mine benötigt 21 Millionen Liter Wasser – jeden Tag. Die Folge der Grundwasserspiegel sinkt dramatisch ab und die Menschen, Tiere und Natur müssen leiden. Das größte Problem: Chile hat seine Wasserrechte verkauft. Die Folge, die Minenbetreiber haben Narrenfreiheit.

Ein weiterer Rohstoff ist Kobalt. Dieser wird im Kongo gewonnen. Doch die einzige offizielle Mine gehört einer chinesischen Firma, wo kaum Einheimische beschäftigt werden. So versuchen die Menschen im Kongo, in illegalen, selbstgebauten Minenschächten, welche bis zu 45 Meter tief sind, am Boom des notwendigen Bestandteils der E-Akkus zu profitieren. Eine Dokumentation des ZDF fasst dies anschaulich zusammen. Allerdings geht es in dem Beitrag um die Verwendung der Rohstoffe in Hinblick auf die Autoindustrie.

Dennoch sind nicht nur die Batterien eines elektisch bestriebenen Autos aus Lithium- und Kobaltverbindungen, auch die von E-Bikes bestehen aus diesen Bestandteilen. Allerdings sei in dem Zusammenhang angeführt, dass eine Autobatterie je nach Angabe des Herstellers zwischen 500 bis 750kg wiegt. Die eines Fahrrads hingegen nur circa 2,5 kg. Das heißt aus einer Autobatterie ließen sich 200 bis 300 Akkus für Fahrräder herstellen.

Die CO2- Belastung im Vergleich: Fahrrad, E-Bike, Auto

Es liegt auf der Hand, dass das normale Fahrrad die ökologischste Variante im Vergleich ist.  Genauso wie beim Akku-unterstützten Fahrrad, werden Rohstoffe für die Herstellung von Rahmen, Rädern, Lenker, etc. benötigt, aber es entfallen die seltenen Erden und Metalle für die Elektronik an. Und auch hier gibt es mittlerweile nachhaltigere Optionen, wo zumindest der Rahmen aus dem nachwachsenden Rohstoff Bambus gewonnen wird.

Aber zurück zum Pedelec. Laut der Publikation „E-Rad macht mobil“ des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2014 entstehen bei der Herstellung eines Fahrradakkus 22 bis 30 Kilogramm Treibhausgase. Verglichen mit der Menge an Schadstoffen, die beim Fahren eines Autos entstehen, sind bereits nach 100 E-Bike-Kilometern die Emissionen des Fahrradakkus ausgeglichen. Außerdem gibt es eine weitere gute Nachricht. Entscheidend bei der Ökobilanz ist die Lebensdauer des Akkus und auf diese kann der Besitzer positiv einwirken.

Empfehlungen

  • die Temperaturen, denen der Akku ausgesetzt wird, sollten immer zwischen 10 und 25 Grad Celsius liegen
  • keine komplette Ladung oder Entladung
  • falls es eine Winterpause gibt: Akku bei Zimmertemperatur mit 30-40% der Ladekapazität lagern
  • und nach spätestens sechs Monaten wieder aufladen

Bis zu einer Entfernung von 8km hat das Pedelec die Nase vorn

Nachfolgend seht ihr eine Übersicht, die sehr gut veranschaulicht wie sich die einzelnen Fortbewegungsmittel im Stadtverkehr machen. Und ihr erkennt deutlich: Bis zu einer Distanz von 5 Kilometern liegt das normale Fahrrad vor dem Auto und das Pedelec sogar bis 8 Kilometern. Von Stau wollen wir gar nicht erst anfangen 😉 Denn wenn nichts mehr geht auf den Straßen, kommt man mit einem Rad immer noch weiter.

Quelle: Umweltbundesamt

Das Fazit

Wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht, stelle ich wieder einmal fest: Ein Perfekt gibt es nicht.

Da für mich klar war, dass wieder ein Fahrrad in meinen Besitz soll, habe ich nach der ausführlichen Recherche mich für den Kauf eines E-Bikes entschieden. Ich möchte dem Projekt eine Chance geben und künftig (mit entsprechendem Training) Einzelstrecken von bis zu 50 Kilometern mit dem Rad zurücklegen. Eine weitere Entscheidung ist daraus ebenfalls erwachsen: Ich werde meine nun nicht mehr ganz so geliebte Perle verkaufen, da ich es nicht mehr mit meinem Gewissen und meiner Gesundheit vereinbaren kann, einen Anteil an einer enormen Feinstaubbelastung und Gesundheitsgefährdung zu haben. Stattdessen werde ich den Führerschein für das Motorrad machen, um künftig in Notfällen den leistungsstärkeren Roller meines Freundes fahren zu können, der wenigstens etwas „sauberer“ ist.

Hast du selber Erfahrungen mit dem Verkehr in einer Großstadt, auf einem Roller oder als Radfahrer? Oder gehörst du selber zu den E-Bike-Fahrern und möchtest uns an deinen Erfahrungen teilhaben lassen? Schreib mir gerne einen Kommentar unter den Beitrag. Dir hat mein Artikel und die Inspirationen gefallen? Dann freue ich mich, wenn du ihn teilst, likest oder meinen Blog abonnierst.

Comments (2)

Liebe Svenja,

Herzlichen Glückwunsch zum E-Bike. Leider ist es uns nicht möglich zur Arbeit ohne Auto zu kommen. Wir wohnen auf dem Land und der Bus fährt fast dann, wenn ich schon Frühstückspause habe. Mein Mann hat aber eine Fahrgemeinschaft. Ein E-Bike steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Nach Feierabend fahre ich viel Fahrrad. Alle kleinen Einkäufe erledige ich mit dem Fahrrad, anstelle mit dem Auto.

Ein toller Artikel der zum nachdenken anregt.

Liebe Grüße
elke von elke.works

Svenja Vierth

Danke, liebe Elke,

Auf mein E-Bike muss ich noch bis Februar warten, aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude 🙂

Ja, wenn man in eher ländlichen Gegenden wohnt, dann ist es nicht immer möglich, mit der Alternative Fahrrad alles zu erledigen. Aber jeder geradelte Kilometer, ist ein guter Kilometer. Wenn jeder schaut, dass er seine Strecken so effektiv wie möglich mit Fahrgemeinschaften, über eine Mitfahrzentrale, dem ÖPNV, zu Fuß, mit dem Rad… zurücklegt, ist schon viel gewonnen. Am Ende geht es wie bei Allem um das Maß halten.

Ich wünsche dir einen schönen Tag.

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